Auszug aus meinem Buch

Krankenhaus Trauma CN psychische Misshandlung; Gewalt;

Als ich 12 war, wurde bei mir das Lymphangiom festgestellt. Also erstmal wussten sie noch nicht was genau es war, im CT hat man einen großen Tumor in meinem Bauch entdeckt. Er war um die 20cm lang und 6cm dick. Von der Blase bis hoch zur linken Niere war er gewachsen, sodass die Niere quer lag.
Für ein 12-jähriges Kind, war das schon ein riesiges Gewächs, und ich war damals stark untergewichtig. Wir vermuten, dass das Lymphangiom mir Nährstoffe geklaut hat um so groß zu wachsen. Kein Wunder also, dass ich als Kind Ohnmachtsanfälle hatte. Ich weiß nicht wie alt ich war als diese angefangen haben, aber sie gingen bis ich zum ersten Mal operiert wurde und das größte Stück des Tumors entfernt wurde. Später hatte ich noch oft Schwindelanfälle und Kreislaufprobleme wenn es draußen heiß war. Und das hieß für mich ab 25°C Außentemperatur. Nein, ich mag den Sommer nicht.
Wegen der Ohnmachtsanfälle musste ich damals regelmäßig zum Gehirnströme messen (EEG). Mein Arzt wollte ausschließen, dass ich nicht Epilepsie habe. Ich erinnere mich nur vage daran. Es wurden mir Elektronen an die Kopfhaut geklebt, das war kalt, dann durfte ich mich hinlegen. Glaub es wurde 15-20min lang gemessen. Einmal bin ich sogar eingeschlafen, glaub ich. Ich weiß noch, dass der Arzt sehr nett war und die Schwestern auch. Festgestellt wurde nie etwas. Diese Untersuchung hat man über viele Jahre hinweg gemacht. Ich weiß nicht mehr wann ich aufgehört habe, dort hinzugehen, aber ich nehme an es war als die Operationen losgingen.
Von als ich 12 war bis ich 17 war, musste ich mehrmals jährlich ins Krankenhaus für die OPs. Am Anfang häufiger. Die erste OP fand in Potsdam im Ernst von Bergmann-Krankenhaus statt. Da die Ärzte nicht wussten mit was sie es zu tun hatten, bin ich damals fast verblutet. Meine Form des Lymphangioms ist eine Mischung aus klein-zystischem Lymphangiom und einem Hämangiom, das man auch als Blutschwämmchen kennt. Die Zysten des Hämangiom sind Blutgefüllt. Als die Ärzte also operierten und daran rumschnitten, blutete es sehr stark. Und wenn es einmal blutet, hört es so schnell nicht wieder auf. Diese Blutung zu stoppen ist sehr schwer und die Ärzte hatten damit bei mir große Probleme. Ich verlor 3 Liter Blut. Für ein 12-jähriges stark untergewichtiges Kind ist das natürlich sehr viel. Meine Mutter hat mir später als ich erwachsen war, gesagt, dass die Ärztin nach der OP zu ihr gekommen ist und gesagt hat, ich hätte einen Schutzengel gehabt, weil sie mich fast verloren hätten. Es war mehr als das. Ich war für eine kurz Zeit tot. Auch das hat mir meine Mutter erst viel später erzählt, aber ich wusste es schon. Denn ich hatte eine Nahtoderfahrung. Diese habe ich in einem Gedicht verarbeitet.
Nach der OP, als ich im Aufwachraum war und langsam wach wurde, war mir sehr übel. Ich vertrug die Narkose nicht. Da ich gerade so mit dem Leben davon gekommen war, war ich viel zu schwach um die wachende Schwester auf mich aufmerksam zu machen. Auch sah ich nur verschwommen. Ich erbrach mich über mein Bett. Die Schwester kam angelaufen und meckerte mich direkt an, warum ich denn nichts gesagt hätte und wenn mir wieder schlecht wird, soll ich mich gefälligst melden. Ich versuchte eine Entschuldigung zu stammeln, doch konnte noch nicht mal flüstern. Sie entfernte das Erbrochene und ich musste noch eine Weile im Aufwachraum bleiben. (Es kann auch sein, dass es die Intensivstation war. Das weiß ich nicht.) Dann endlich wurde ich auf mein Zimmer gebracht, wo ich dann von einer anderen Schwester grob gewaschen wurde. Sie zerrte an mir rum, und meckerte da ich „nicht mithalf“. Zur Erinnerung, ich kam frisch aus dem OP wo ich fast gestorben wäre! Mein Bett wurde bezogen und ich bekam frische Sachen. Durch die grobe Waschung und unnötige Bewegung hatte ich große Schmerzen. Zum Waschen hatten sie meine Mutter wohl aus dem Zimmer geschmissen. Ich fühlte mich ausgeliefert, konnte mich nicht wehren. Danach bekam ich wohl Schmerzmittel, denn an die nächsten Tage erinnere ich mich nur noch sehr verschwommen.
Nur an die Visite erinnere ich mich noch etwas. Die Ärzte sprachen über die OP und ich erwähnte, dass ich ja währenddessen gestorben war. Natürlich glaubten mir die Ärzte nicht. Sie sagten, dass es nur ein Traum war von der Narkose verursacht. Dann erwähnte ich etwas, dass der eine Arzt zu dem anderen gesagt hatte, während der OP. Ich konnte den genauen Wortlaut wiederholen. Sie guckten mich überrascht an, und wechselten einen Blick. Dann sagte der eine Arzt zu mir, dass ich das doch gar nicht gehört haben könne, da ich ja geschlafen hatte. Ich bin mir nicht sicher ob ich es nur gedacht habe oder ausgesprochen habe, aber ich meinte „Ich habe nicht geschlafen. Ich war tot.“
Über diese Erfahrung habe ich oft geschwiegen, da ich damals mich nicht ernst genommen fühlte, und auch heute noch Angst hab als verrückt abgestempelt zu werden.
Nach ein paar Wochen im Krankenhaus, wurde ich dann entlassen. Im Arztbrief stand drin, dass die Ärzte nichts mehr für mich tun können, da sie diese Art von Tumor nicht kennen und es zu stark mit Muskeln und Nerven verwachsen war. Glücklicherweise kannte unser damaliger Arzt einen guten Chirurgen, der wiederum einen Arzt kannte, der sich damit auskannte. Also ging es jetzt nach Berlin zu Prof. Waldschmidt. Ich erinnere mich nur noch an einen Satz vom ersten Treffen. Ich war völlig durcheinander, hab viel geweint, weil mir gesagt wurde, ich müsse oft operiert werden. Prof. Waldschmidt tröstete mich und versprach mir, „Ich mach dich wieder gesund.“ Ich mochte ihn sehr, er ging auf mich ein und behandelte mich respektvoll. Die Assistenzärzte und Schwestern leider nicht. Als ich nach einer OP starke Schmerzen hatte, die trotz Schmerzmittel nicht besser wurden, wurde mir weiteres Schmerzmittel verweigert. Ich hätte erst welches bekommen und sie dürften mir erst in ein paar Stunden wieder was geben. Ich weinte vor Schmerzen und sagte den Schwestern, dass das Schmerzmittel aber nicht half. Aber sie meinten nur, das müsse ich jetzt aushalten. Ein anderes Mal hatte ich starke Schmerzen nach der OP, aber wollte kein Schmerzmittel, da ich gerade erst den Dämmerzustand der Narkose losgeworden war, und nicht gleich wieder zugedröhnt werden wollte. Ich hasse diesen benebelten sedierten Zustand. Noch heute quäle ich mich lieber mit Schmerzen als zu viel von dem Schmerzmittel zu nehmen um nicht diesen „Kopf in Watte gesteckt“ Zustand zu bekommen.
Damals jedoch hatte ich keine Wahl, es interessierte nicht was ich wollte. Die Schwester meinte, sie müsse mir jetzt etwas geben da ich Fieber hatte. Ich kann den Grund verstehen, aber damals empfand ich es als „es wurde über meinen Kopf hinweg entschieden“.

Als ich 14 war und zum ersten Mal meine Tage bekam, musste ich eine Schwester nach Binden fragen. Nicht nur das ich vollkommen angeekelt war, was da mit meinem Körper passierte, es fühlte sich erniedrigend an nach Binden fragen zu müssen. Ich bekam mal wieder eine pampige Antwort. Ob ich das denn nicht hätte vorher wissen können und somit eigene Binden mitgebracht haben können.
Als das mit dem Bein passierte, wusste es noch keiner. Oder sie haben es mir einfach nicht gesagt. Die Schwester forderte mich auf mich an den Bettrand zu setzen ohne aufzustehen, um mich waschen zu können. Ich versuchte mich zurecht zu setzen und trat ausersehen mit dem linken Bein auf. Dieses konnte mich ja nicht mehr halten, so fiel ich hart auf den Boden. Sofort war die Schwester neben mir und herrschte mich an, sie hätte doch gesagt, ich solle nicht aufstehen. Sie hat nicht zuerst geguckt ob ich mich bei dem Sturz verletzt hatte, nein, sie meckerte mich voll. Mir wurde heiß und ich brachte kein Wort mehr raus. Zu geschockt war ich. Ich wusste nicht was passiert war, warum mein Bein nicht mehr funktionierte. Wann ich bemerkte, dass ich auch kein Gefühl mehr darin hatte, weiß ich nicht. Die nächsten Tage und Stunden musste ich diverse Tests über mich ergehen lassen. Noch immer sagte mir niemand was los war. Ein Test war besonders grausam. Ein Arzt steckte kleine Nadeln in verschiedenen Punkten in mein Bein, diese leichte Stromschlägen aussendeten um zu prüfen ob die Nervenbahnen noch reagierten. Es tat höllisch weh! Ich erinnere mich, wie ich geweint habe und gebeten habe, er möge aufhören weil es so weh getan hat. Der Arzt hat gesagt, dass er „nur noch ein paar Mal“ die Nadeln reinstecke müsse, aber ich habe geschrien und geweint, dass er endlich aufhören soll. (Anmerkung: Hier musste ich vorerst abbrechen zu schreiben, da die Erinnerung zu heftig war und ich heulend zusammen gebrochen bin. )

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3 thoughts on “Auszug aus meinem Buch

  1. Ich… mir hat es ehrlich gesagt die Sprache verschlagen… Für das, was du alles erleben musstest, kann ich keine Worte finden. Und alles, was ich jetzt schreibe fühlt sich falsch an – ich möchte deinen Text aber nicht unkommentiert stehen lassen.. Es tut mir leid, was du erleben musstest. Du bist ein wahrer Kämpfer! Wenn ich darf, fühl dich mal umarmt..

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