Autobiografische Kurzgeschichte Part 2

Namen aus Gründen geändert. Situation genau so passiert. TW: Sexueller Missbrauch!

Mary hatte einen neuen Freund. Schon wieder. Wie konnten sich die Mädels bloß immer so schnell in neue Beziehungen stürzen? In Jesse’s Klasse war es nämlich nicht anders. Ständig überhörte er Gespräche zwischen den Mädchen welcher Junge denn besonders süß war oder wer mit wem ging. Uninteressant fand er. Viel lieber hätte er sich über das neue Album seiner Lieblingsband unterhalten. Doch selbst wenn es um Musik ging, gab es für Mädchen nur ein Thema: welcher Band-Member gefiel ihnen am Besten? Deswegen hielt Jesse sich aus diesen Gesprächen heraus und druckste herum wenn man von ihm wissen wollte wen er gut fand. Ihn interessierten die musikalischen Fähigkeiten nun mal mehr als das Aussehen.
Jedenfalls hatte Mary einen neuen Freund und wollte, dass Jesse ihn kennenlernte. Wahrscheinlich gab es wieder einen ihrer Verkupplungsversuche. Und er lag richtig. Kaum am Treffpunkt angekommen wurde er einem Freund von Mary’s Freund vorgestellt. Er versuchte freundlich zu sein und nicht zu offensichtlich sein Desinteresse zu zeigen.
Doch der Typ schien ganz interessant zu sein. Er war exotisch. Südländer. Und scheinbar ehrlich interessiert an ihm. Jesse war es leid von Freunden und Familie nach einem festen Freund gefragt zu werden. „Die denken bestimmt schon mit mir stimmt was nicht.“ Er hatte immer noch keinerlei Interesse an diesem Beziehungskram. „Aber vielleicht kommt das noch. Vielleicht muss ich es nur mal versuchen“, dachte er sich. Das war jedenfalls die Meinung von allen anderen.
Also ließ er sich auf eine Beziehung mit diesem Typen ein. Küssen war genauso eklig wie er es sich vorgestellt hatte. Es fühlte sich an, als wenn ein Hund sein Gesicht abschleckte. Natürlich sprach er mit Mary und seinen Kusinen darüber. Das machen ja Mädchen so.
„Ach, der erste Kuss ist immer eklig.“ „Das wird mit Erfahrung viel besser.“ „Der kann nur schlecht küssen.“ „Du musst ihm zeigen was dir gefällt“, waren die Ratschläge die er bekam.
„Vielleicht haben sie recht und ich muss mich nur daran gewöhnen“, dachte er sich. Auch auf die Frage hin, wie es sich denn anfühle verliebt zu sein, bekam er nur schwammige Antworten.
„Man muss halt immer an die Person denken.“ „Du hast das Bedürfnis Zeit mit ihm zu verbringen.“ „Du willst die Person so gut es geht kennenlernen.“ Das half ihm nicht weiter, denn diese Art der Gefühle hegte er für jeden den er mochte. Wo ist da der Unterschied zum Verliebtsein?
Vielleicht kamen die Gefühle auch erst wenn er ihn besser kannte?
Mittlerweile war Jesse nun schon 2 Wochen mit Marcel, so hieß der Typ, zusammen. Oft fragte Mary ihn aus wie es in der Beziehung lief. Was sie denn schon alles gemacht hätten. Es kam Jesse so vor als ob Mary mit ihren Erfahrungen prahlen wollte und er fühlte sich auch sehr dazu genötigt es ihr gleich zu tun. Intimität und Sexualität gehörte nun mal zu einer Beziehung dazu, dass bekam er überall zu hören. Das er keinerlei Interesse danach verspürte wurde als zurückhaltend, und Angst vorm ersten Mal abgetan. Außerdem war er ja „schon 17“, und irgendwie schien es als sei dies ein spätes Alter um mit Jungs „anzufangen“. Da er nicht als prüde, langweilig oder „Spätzünder“ abgestempelt werden wollte, sagte er zu als Marcel ihn in die Wohnung eines Kumpels einlud.
„Keine Sorge“, beschwichtigte Marcel ihn. „Mein Kumpel ist nicht da. Wir haben die Wohnung ganz für uns.“
Mit gemischten Gefühlen betrat Jesse die Wohnung. Ihm war flau im Bauch. Ob vor Angst, Nervosität oder Aufregung konnte er nicht sagen. Als Marcel anfing ihn zu küssen, war es zunächst so wie die vielen Male zuvor. Doch dann wurde er forscher, versuchte unter Jesse’s T-Shirt zu greifen, doch dieser schob seine Hand weg.
„Nein.“, sagte Jesse. „Ich glaub ich bin noch nicht soweit.“
„Ach, komm schon!“, versuchte Marcel ihn zu überreden. Er küsste ihn weiter und streichelte sanft seinen Oberschenkel. Jesse bekam plötzlich ein ganz ungutes Gefühl. „Aber ich will das doch gar nicht!“, meldete sich ein Alarm in seinem Kopf. Wieder versuchte er Marcel von sich zu schieben, doch dieser war stärker. Mit dem Knie spreizte er Jesse’s Beine während er ihn unsanft auf den Bauch drehte. Jesse konnte kaum atmen geschweige denn sich bewegen. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, doch Marcel lag schwer auf ihm. Mit Tränen in den Augen wartete er einfach bis Marcel mit ihm fertig war. Er spürte seinen heißen Atem an seiner Wange und drückte seinen Kopf tiefer in das Kissen. Er wollte nicht weinen und schluchzen; er wollte stark sein.
Als Marcel endlich von ihm abließ, rappelte Jesse sich auf, suchte desorientiert seine Sachen zusammen und verließ die Wohnung.
„Ruf mich an!“, meinte Marcel noch und gab ihm einen Abschiedskuss als wäre nichts gewesen.
Auf dem Weg nach Hause dachte Jesse nach. War es normal, dass er sich so leer fühlte? Zählte das jetzt als erstes Mal? War es normal, dass es so unangenehm war? Vielleicht fühlte sich jede Frau danach so und es war nur eine Gewöhnungssache bis er es ertragen konnte.
Da Mary ja immer alles wissen wollte, schrieb er ihr gleich am nächsten Tag. Auch das er es gar nicht schön oder besonders fand, erzählte er ihr. „Ach, beim ersten Mal ist das immer so! Nächstes Mal wird besser werden.“, bekam er als Antwort. Nächstes Mal? Daran wollte er lieber nicht denken. Auch seine Kusinen rieten ihm, dass er mit mehr Erfahrung Spaß daran finden würde. Oder sie meinten, Marcel wäre nicht der Richtige und deshalb fand Jesse es so enttäuschend. Mehr Erfahrung? Andere Typen? „Das will ich aber nicht“, dachte er. Beziehung an sich war ja okay. Wenigstens konnte er so endlich mal Zeit mit anderen Kerlen verbringen, aber das Ganze romantische und sexuelle ekelte ihn an. Warum ging das nicht ohne?
Mit den Jahren wurde er abgestumpfter und ließ es einfach über sich ergehen. Immer wieder hörte man doch von Frauen, die Sex nicht genießen konnten. Er war wohl einfach eine von ihnen. Auch dass er nie Lust auf Sex hatte, machte ihm keine Probleme. Es schien doch normal für Frauen zu sein keine Lust zu haben. Nur Männer wollten Sex, und Frauen fügten sich dem. Das war, was er lernte. Das dem nicht so war, und das seine sexuelle Unlust von einem ganz anderen „Problem“ herrührte, wurde ihm erst viele Jahre später klar.

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