Autobiografische Kurzgeschichte (Teil 1)

Ich wollte eigentlich schon länger eine Autobiografie über mich schreiben. Da mich dieses Projekt jedoch immer wieder wegen seines Umfanges abgeschreckt hatte, kam ich auf die Idee es in kürze Situationen zu verpacken, woraus nun Kurzgeschichten wurden. Gibt’s erstmal nur auf deutsch, da ich zwar auf englisch schreiben kann, jedoch nicht so wirklich gut als Roman. Ereignisse sind so passiert jedoch habe ich aus Gründen Namen geändert. TW: sexuelle Belästigung.)

Jesse saß auf seinem Bett und blätterte die neueste „Bravo“ durch. Er hatte sie sich gekauft um den Artikel über seine Lieblingsband zu lesen. „So eine Frisur hätte ich auch gerne“, dachte er als er den Sänger sah. Aber seine Haare waren fast schulterlang und er durfte sie nicht mehr kurz tragen, wie er es als kleines Kind tat.
Sein Handy neben ihm piepste auf. Eine SMS von seiner bester Freundin. Naja, eher einzige Freundin. Niemand wollte sich so recht mit ihm anfreunden und er wusste nicht wieso. „Die halten mich bestimmt für komisch“, nahm er an. Trotz Mädchenhafter Haare trug er am Liebsten Jeans, Stiefel und weite T-Shirts, wo man die Brüste nicht sehen konnte oder einen Pulli der mindestens 2 Nummern zu groß war. Tomboy. Ein jungenhaftes Mädchen war er in den Augen anderer, mehr nicht.
Er seufzte auf und las die SMS. Mary wollte sich mal wieder mit ihm treffen. Wie so oft. Shopping und nach Jungs gucken, das war zur Zeit ihre Lieblingsbeschäftigung. Er verstand nicht warum. Was war so aufregend und toll mit Jungs zu flirten? Jesse würde viel lieber mit ihnen abhängen, herumalbern, Bier trinken, Fußball spielen. Was man halt so macht unter Jungs. Aber das geht ja nicht. Denn Jesse war ja kein richtiger Junge, wie er so oft zu spüren bekam.
Da er wusste, dass seine Freundin nicht locker lassen würde, sagte er zu und verabredete sich mit ihr in der Stadt.
Schnell zog er sich seine Jeansjacke über das Tanktop und verließ das Haus. Es war warm draußen, aber noch eine Diskussion über nicht rasierte Achseln mit Mary wollte er vermeiden. Also lieber schwitzen. Außerdem half die Jacke die kleine aber dennoch weiblichen Brüste zu verdecken.
Als Jesse am vereinbarten Treffpunkt ankam wartete Mary schon auf ihn. Missbilligend warf sie einen Blick auf sein Outfit. „So wirst du nie einen Freund bekommen“, kommentierte sie, um dann hinzuzufügen, „Naja, du hast eh keine richtigen Titten.“ Genervt murmelte er zurück, dass es ihm lieber wäre gar keine zu haben, so klein sie auch sein mögen. Und das er keinen Freund wollte hatte er ihr schon tausendmal erklärt, aber sie verstand es nicht, oder wollte es nicht verstehen. Ständig tat sie es ab mit der Begründung, er wäre nur schüchtern und ein Spätzünder.
Sie betraten den Laden und Mary steuerte zielstrebig auf die neue Sommerkollektion in der Damenabteilung zu. Jesse fühlte sich fehl am Platz. Er gehörte einfach nicht zwischen rosa und Blusen und knappen Tops. Sehnsüchtig blickte er hinüber zur Jungsabteilung, wollte aber seine Freundin auch nicht einfach so stehen lassen.
„Jessika“, rief sie zu ihm. „Das Top würde dir super stehen“. Sie hielt es ihm vor die Brust.
„Das ist rosa. Ich hasse rosa. Sowas zieh ich nicht an.“
„Das ist pink“, korrigierte Mary ihn. „Und es ist doch pink-schwarz. Probier doch mal.“
Warum konnte sie es nicht gut sein lassen? Ständig versuchte sie Jesse umzustylen.
„Nein danke“, erwiderte er genervt von ihrem Versuch. „Mir gefällt das hier besser“, sagte er und zeigte ihr ein dunkelgraues T-Shirt mit Totenkopf-Motiv.
Mary zuckte nur die Schultern und begab sich zur Kasse um zu bezahlen.
Als sie den Laden verlassen hatten, wandte Jesse sich an Mary. „Du?“, begann er, „ich würde mir gern die Haare wieder kurz schneiden lassen. So für den Sommer, dann ist es nicht so heiß.“
„Wenn du kurze Haare hast und solche Klamotten trägst“, sie wies auf die schlabberige Hose und das ausgeblichene Tanktop, „wird dich jeder für ne Lesbe halten.“
Jesse war unsicher. Er stand nicht auf Mädchen und wollte schon gar nicht als Lesbe gesehen werden um noch mehr ausgegrenzt zu werden, wenn das überhaupt möglich war.
„Hey, am Wochenende ist Frühlingsfest! Das sollten wir unbedingt hin“, wechselte Mary abrupt das Thema. Frühlingsfest? Jesse hatte eigentlich absolut keine Lust darauf, aber wenn er es ablehnte war Mary bestimmt wieder sauer auf ihn. Also sagte er zu.

Eigentlich, so dachte Jesse, wollte Mary auf das Fest um irgendwelche Spiele zu spielen und vielleicht eines der kleinen Kuscheltiere zu ergattern. Doch leider war dem nicht so. Sie war auf „Jungsschau“. Ständig hielt sie Ausschau nach gleichaltrigen Jungs um ihr Glück bei ihnen zu versuchen. „Und womöglich auch um mich zu verkuppeln“, schoss es Jesse durch den Kopf, der entnervt hinter ihr her trottete. An einer der Spielbuden hatte sie dann Glück und entdeckte zwei circa 16-järige Jungen. Ohne Umschweife ging sie auf die beiden zu und startete eine Unterhaltung. „Wie macht sie das nur?“, fragte sich Jesse. Manchmal wünschte er, dass er auch so extrovertiert sein möge.
„Das ist meine Freundin Jessika“, stellte Mary ihn vor und die Erwähnung dieses für ihn falschen Namens bereitete ihm Magenschmerzen. Vorsichtig zog er seine Freundin beiseite. „Können wir nicht wieder gehen? Mir ist langweilig.“
„Ach, jetzt sei nicht so schüchtern. Der Typ ist doch süß und die bist schon fast 17 und hast noch nie einen freund gehabt! Du hast ja noch nicht mal einen Jungen geküsst!“ Sie sagte das so als wäre es eine Unmöglichkeit mit 16 nicht jedem Jungen hinter her zu rennen.
„Warum sollte ich das auch wollen?“, fragte Jesse zurück, „Das erscheint mir eklig.“
Entgeistert sah Mary ihren Freund an. „Stehst du etwa auf Mädchen?“, fragte sie schockiert.
„Nein. Ich hab nur einfach kein Interesse daran einen Freund zu haben und jemanden zu küssen.“
„Ach, du bist bloß schüchtern! Guck mal, ich glaub der Typ mag dich.“, tat sie es ab und ging zu den ersten Jungen zurück.
Unsicher stand Jesse dabei und beobachtete wie Mary mit dem Jungen flirtete und schließlich anfing ihn zu küssen. Angewidert wandte er sich ab, doch kam nun der zweite Junge auf ihn zu und versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln. „Was soll ich mit dem bloß reden?“, fragte er sich. Wenn er Jungs beobachtete sah es immer so einfach aus, wie sie miteinander scherzten und redeten. Doch nun war er aufgeschmissen. Noch dazu hielt jeder ihn für ein schüchternes Mädchen.
Der Junge wurde immer aufdringlicher, legte den Arm um Jesse und zog ihn näher zu sich heran. Er warf einen Blick auf Mary und seinen Kumpel, die mittlerweile heftig miteinander rumknutschten.
„Komm schon, gib mir einen Kuss“, bedrängte er ihn.
„Ich will dich nicht küssen“, erwiderte Jesse so fest er konnte und versuchte sich aus der Umarmung zu befreien. Doch der Junge war stärker. „Jetzt hab dich nicht so. Nur einen Kuss“, versuchte er es weiter. Jesse wurde sauer und bekam auch ein wenig Angst. Sie waren ein Stück vom Festgelände weg gegangen um ungestörter mit den Jungs reden zu können. Verzweifelt versuchte er weiterhin sich aus den Armen des Jungen zu befreien und blickte sich nach Hilfe um, doch außer Mary und dem anderen Jungen war niemand zu sehen.
Als der Junge versuchte seine Hand unter das T-Shirt von Jesse zu schieben, reichte es ihm. Mit aller Kraft boxte Jesse seinen spitzen Ellenbogenknochen in den Magen des Jungen, der sich vor Schmerzen krümmte, jedoch weiterhin Jesse’s Handgelenk festhielt. Also biss Jesse zu. So fest er konnte. Bis der Junge ihn endlich losließ und verstört ansah.
„Spinnst du?!“, kam es von Mary die sich von ihrem Lover getrennt hatte und ihn jetzt entsetzt ansah.
„Was denn?“, gab Jesse wütend zurück. „Hätte ich mich etwa von ihm vergewaltigen lassen sollen?!“ Er schnappte sich seine Tasche und verließ so schnell er konnte das Festgelände. Ihm war egal was sie von ihm dachten. Wenn er nein sagte, dann meinte er nein! Soll Mary doch ruhig mal wieder eingeschnappt sein. So hatte er wenigstens ein paar Wochen Ruhe vor ihr und diesen blöden Verkupplungsversuchen.
Warum konnten sie ihn nicht so sein lassen, wie er nun mal war? Warum musste jeder ständig versuchen ihn zu verändern? Es hieß immer, er solle sich anpassen, und wäre ja nur unglücklich weil er es nicht tat. Es war ja nicht nur Mary. Auch seine Verwandten fragten ihn ständig, wann er „denn endlich einen Freund“ haben würde. Jesse jedoch wollte keinen Freund, wie er so oft betonte. Vielmehr wollte er sich mit den Jungs anfreunden, akzeptiert als einer von ihnen. Aber das ging ja nicht. Denn Jesse war ein Mädchen.

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